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Fisch im Haar – oder, ein Schuss Sojasoße macht es auch nicht besser.

Die Kritiken in einem Schreibforum, zu einer meiner allerersten Kurzgeschichten, musste ich eine ganze Weile verdauen. „Eine stinklangweilige Teenagerromanze, nur weil man sie in Sojasoße tränkt, wird sie nicht besser.“
Wow! Damals dachte ich, ich müsste vor Wut und Scham vergehen. Heute – mag ich die Geschichte immer noch, denn ich erinnere mich an das Gefühl, dass ich beim Schreiben hatte. Es war befriedigend, fühlte sich rund an. Ich hab sogar Lust, einen Roman daraus zu machen.

Was sagt ihr dazu? Und für die Autoren und Blogger – welche Erfahrungen habt ihr mit dem ersten Schreiben gemacht?

 

***

Fisch im Haar
Anuki saß auf der schmalen Bambusbank vor dem Küchenfenster. Ihre Füße hatte sie aufgestellt und die Arme um die Knie geschlungen. Sie gab vor, in den Garten hinaus zu sehen, wo Miu und Sus, die beiden schneeweiße Kätzchen umhertollten, doch in Wirklichkeit war sie mit höchst geheimen Gedanken beschäftigt. In ihrem Rücken machte ihr Vater sich am Herd zu schaffen. Sie hörte, wie er an der Eisenpfanne rüttelte. Es zischte und der Duft nach zerlassener Butter erfüllte den Raum. Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. Sie wusste schon seit Langem, dass Schmetterlingsflügel Ryujus Namen in den Wind zu schreiben pflegten, aber gerade hatte sie ihn sogar in dem Zischlaut zu hören gemeint, mit dem das Fett in der heißen Pfanne zerlaufen war. Erneut zischte es, diesmal scharf und kurz und gleich darauf durchzog der Geruch nach gebratenem Fisch den Raum. Für eine Sekunde lief ihr das Wasser im Mund zusammen, ehe ihr bewusst wurde, dass sich die fettigen Dampfschwaden im Nu in ihrem sorgfältig gewaschenen und hundert Mal gekämmten Haar festsetzten würden.
Mit einem unterdrückten Aufschrei sprang sie auf. Zwei Schritte, dann stand sie vor der Tür und schob sie zur Seite auf. Als Nächstes ein Sprung über die beiden Treppenstufen und Anuki fühlte taufeuchtes Gras unter ihren nackten Fußsohlen. Sie beugte sich vornüber und schüttelte sich wie rasend. Schüttelte sich, als könne Fischgestank wie Sand aus ihrem Haar rieseln.
„Anuki! Was soll das Theater?“
Mit einem Ruck richtete sie sich auf. Die Mutter war leise herangekommen, sah sie ruhig an. An ihrem Arm hing ein Körbchen mit Eiern. Schuldbewusst biss Anuki sich auf die Lippen. Die Eier hatte sie ganz vergessen. Das schlechte Gewissen ließ ihre Stimme laut werden. »Kannst du mir sagen“, sie fuchtelte mit den Armen, „warum er diesen dummen Fisch braten muss?« Die Empörung über die Gemeinheit trieb ihr die Tränen in die Augen. „Gestern hat er versprochen, es würde Pfannkuchen geben!“ Wieso konnte ihr Vater sich nie an das halten, was er am Vortag gesagt hatte? Sie hätte sich doch nie in der Nähe des Herdes aufgehalten, wenn sie gewusst hätte, dass er seinen Plan für das Frühstück geändert hatte. Die Tatsache, dass sie den Teller mit den rohen Fischstücken beim Betreten der Küche hätte sehen können, wäre sie nicht in einer Traumblase daran vorbeigeschwebt, ignorierte sie. „Das ist so typisch für ihn!“
„Wovon redest du?“
„Es ist Montag!“
„Ja und?“
Etwas am Ton der Mutter ließ Anuki aufhorchen und in ihrer aufkommenden Unsicherheit stampfte sie mit dem Fuß auf. „Ich stinke nach gebratenem Fisch! Soll ich die Nase meines Meisters beleidigen?“
„Wieso sollte das irgendjemandes Nase beleidigen? Gerade die Mönche im Kloster würden ein ordentliches Stück Fisch in ihrer Frühstücksschale zu schätzen wissen, glaubst du nicht?“
Anuki wusste natürlich, worauf sie anspielte. Sie hatte davon sprechen hören, dass die Mönche vom Stillen Berg immer weniger Spenden erhielten. Und das, obwohl sich in den letzten Jahren ein zaghafter Wohlstand in der Region ausgebreitet hatte. Sogar hier im Dorf gab es einige, die nicht nur einen Fernseher besaßen, sondern darüber hinaus einen Computer. Das moderne Leben veränderte die Menschen jedoch. Besonders diejenigen, die in der nahe gelegenen Stadt lebten, wo der Alltag drei Mal so schnell vorbeirauschte. Erst vor Kurzem hatte ihr Vater zu einem Nachbarn gesagt, dass vor allem die Stadtbewohner die Männer in den dunklen Roben vergaßen und nicht, wie früher üblich, Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände zum Kloster hinauf brachten.
Sie selbst hatte ihre wöchentlichen Unterweisungen bisher immer mit einem Säckchen duftenden Reis bezahlt. Andere übergaben dem Meister Linsen oder schwarze Bohnen.
Während ihr das durch den Kopf ging, fuhr die Mutter fort: „Doch sei es, wie es will, heute gibt es sowieso keinen Unterricht für dich. Dein Vater und ich haben beschlossen, dass du keine Unterweisungen mehr bekommen wirst.“
Die Worte ihrer Mutter trafen Anuki wie ein eisiger Guss in brütender Mittagshitze. Alles in ihr zog sich vor Schreck zusammen. „Was ist geschehen? Ist ihm etwas passiert?“
„Nein.“
„Was dann?“
„Ach Anuki“, die Mutter strich ihr mit dem Handrücken über die Wange. „Ryuju mag ja ein weiser Mann sein, wir finden jedoch, dass er nicht länger“, sie verstummte, senkte den Kopf und starrte so gebannt auf die Eier in ihrem Korb, als erwarte sie, jeden Moment einen Drachen daraus schlüpfen zu sehen.
Anuki war nun völlig verwirrt. Ihre Mutter ging die Dinge sonst immer direkt an. Es musste irgendetwas Ungewöhnliches geschehen sein, etwas, das ihr peinlich war. Mit Nachdruck sagte sie: „Ich weiß nicht, was los ist, aber Meister Ryuju ist ein großer Gelehrter!“ Sie holte hastig Luft. „Ihr dürft mir nicht verbieten, zu ihm zu gehen!“
„Ach?“ Ihre Mutter hob den Blick von den Eiern.
„Mit siebzehn ist man kein Kind mehr!“ Als sie sah, dass ihre Mutter eine Augenbraue hob, wechselt Anuki die Strategie. „Bitte Mutter, bitte, bitte, bitte! Niemand könnte mich besser unterrichten als er.“
Die Mutter lächelte. Die Mutter lächelte immer. Anuki kannte die Nuancen des Mutterlächelns jedoch genau. Es gab die Sorte, die den Duft nach Honig und einer langen Umarmung in sich barg. Oder das Lächeln, das einem einen Stupser gab, der die Beine beim Wettrennen schneller laufen ließ. Hinter diesem Lächeln jetzt verbarg sich allerdings eine eiserne Wand. Schon wieder traten ihr die dummen Tränen in die Augen. „Wieso verstehst du nicht, dass ich mich auf seine Unterweisungen gefreut habe?“
Vom Haus her war ein ärgerliches Brummen zu hören: „Ich denke, du freust dich vor allem auf diesen sogenannten Meister.“ Der Vater stand mit verschränkten Armen in der Küchentür. Seine Gestalt füllt den Türrahmen beinahe zur Gänze. „Damit ist es vorbei. Du wirst ihn nie wieder sehen. Hast du verstanden Tochter?“
„Nein.“
Die Eltern wechselten einen Blick, der Anukis Herz wie einen ängstlichen Spatz in der Brust flattern ließ. Trotzdem sagte sie es abermals und diesmal lauter: „Nein!“
Eine steile Zornesfalte bildete sich auf der Stirn des Vaters. Überraschend leichtfüßig beförderte er seine hundertzwanzig Kilo die beiden Treppenstufen nach unten in den Garten und zu ihnen herüber. Er packt sie fest am Oberarm, zog sie zu sich heran und drohte wie ein Berg über ihr. „Du wirst sogar den Namen dieses verfluchten Mönchs vergessen!“ Er durchbohrte sie mit seinem Blick. „Selbst wenn er mit Buddha persönlich Tee zu trinken pflegt, breche ich ihm jeden einzelnen Knochen im Leib, sobald er dich auch nur ansieht.“
Anuki zog das Genick ein und sah ängstlich zu diesem bebenden Vaterberg auf. Er hatte sie noch nie geschlagen, jetzt sah es allerdings so aus, als würde sie gleich eine Premiere erleben. „Ich verstehe das alles nicht.“
„Das will ich hoffen!“
„Doshin Daii, mein lieber Mann“, die Stimme der Mutter schob sich schützend zwischen Anuki und ihren Vater, „ich danke dir für deine hilfreichen Worte.“ Sie lächelte so sanft wie ein Frühlingsregen. „Wir werden bald zu dir in die Küche kommen. Aber lass mich zunächst mir Anuki sprechen. Von Frau zu Frau.“
Vater war ebenfalls darin geübt, in Mutters Lächeln zu lesen. Er gab Anukis Arm frei, drehte sich um und stapfte auf die Treppen zu. „Der Fisch ist jedenfalls fertig. Ihr solltet nicht zu lange warten!“
Anuki seufzt erleichtert. Wenn man vernünftig blieb, konnte man mit Mutter reden. Sie nahm eine Strähne ihres pechschwarzen Haares zwischen die Finger und hielt sie sich wie einen Schnurrbart unter die Nase. „Du hast recht, das mit dem Fischgeruch ist halb so schlimm. Ich kann doch zum Unterricht, nicht wahr?“
„In letzter Zeit häufen sich die Gerüchte, dass Meister Ryuju sich eine Geliebte hält. Damit ist er kaum der richtige Umgang für dich.“
Anuki riss die Augen auf.
Ihre Mutter nickte betrübt. „Wir haben alle einen Heiligen in ihm gesehen. Es tut mir leid, mein Schatz.“
Anuki ließ ihr Kinn auf die Brust sinken. Ihr Haar fiel, einem schwarzen Vorhang gleich, vor ihren Blick. In ihrer Seele gingen Schubladen auf und wieder zu. Es wurde ausgeräumt, umgeschichtet, neu sortiert. Genau wie in der alten Tansu in Mutters Schlafzimmer, gab es in ihrem Innersten verborgenen Fächer, die sie erst in diesem Augenblick entdeckte.
Mit leiser Stimme sagte sie: „Darf ich in den hinteren Garten gehen? Ich würde gerne für mich sein.“
„Lieber nicht. Dein Vater sitzt vermutlich vor seinem Teller und tötet mit seinem Starren den armen Fisch gleich ein zweites Mal.“
Doch Anuki ging nicht auf ihren Scherz ein. „Ich bin traurig, und ich schäme mich für meinen Lehrer. Bitte, ich muss darüber nachdenken.“
Zunächst schwieg die Mutter. Dann sprach sie die erlösenden Worte: „Geh nur, ich werde deinem Vater und seinem Fisch Gesellschaft leisten.“ Das Gras kitzelte und liebkoste Anukis Fußsohlen. Mit jedem Atemzug strömte reine Freude in ihr Herz. Miu und Sus hatten sich ihr angeschlossen und tollten vor ihr her. Obwohl die beiden Strolche nicht auf dem Hof geboren worden waren, tauchten sie regelmäßig ein paar Stunden auf, um in Anukis Nähe zu spielen. Mius rechtes Ohr war an der Spitze schwarz, ebenso, wie Sus Schwanzspitze. Sie bückte sich rasch und strich Miu zärtlich über das Köpfchen. Ryuju und einen Frau! Wer hätte das gedacht? Oder auch nur zu hoffen gewagt? Sie richtete sich auf, trabte los, wurde immer schneller, bis sie mit den Kätzchen um die Wette rannte. Die Vögel im Garten sangen nur für sie. Anuki bog am Hühnerstall um die Ecke in den Obstgarten, wo sie vom Haus aus nicht mehr gesehen werden konnte. Unter den Zweigen des Kirschbaums begann sie, zu tanzen. Jetzt. Jetzt war alles möglich.

 

 

 

Fotoquelle: UlrikeA / photocase.de

1 Kommentar

  1. Also ich mag diese Geschichte sehr und ganz besonders mag ich den Teil über das Lächeln der Mutter! Das ist wunderschön in Worte gefasst und ich habe alle drei Lächelvarianten bei meiner eigenen Mutter auch gekannt. <3

    Manchmal sind Kritiken so vernichtend, dass man aufhören möchte zu schreiben. Ich bin froh, dass du es nicht getan hast!

    Mona

    Antworten

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